Oder vornehmer ausgedrückt: der monistische Idealismus!
Die Physik ist im Moment vor die Wand gefahren. Ich meine nicht die technische Physik, sondern die Physik, wie sie die großen Physiker immer gesucht und praktiziert haben. Die Suche nach der Wahrheit, dem Warum und dem Rest.
Sicher, die Physik wird uns auch in naher Zukunft immer wieder sensationelle Durchbrüche liefern, aber der große Durchbruch wird wohl noch ein paar Generationen auf sich warten lassen, dazu sind die gegenwärtigen Theorien eben einfach zu gut. Die technische Physik (und leider verstehen auch viele der heutigen Physiker ihr Metier in dieser Weise, siehe z.B.
de.sci.physik, wo die "
Shut-Up-And-Calculate-Fraktionen sich wie Päpste der
Hard Science aufspielen) wird auch in der nächsten Zeit noch sehr überraschende Erkenntnisse gewinnen, die sich in überraschende Produktideen verwandeln lassen.
All diese Erkenntnisse und Produkte werden aber in überwiegender Zahl auf Gesetzen der Quantenfeldtheorie (QFT) und in kleinem Masse auch auf den Gesetzen der allgemeinen Relativitätstheorie beruhen (GRT). Diese beiden unvereinbaren Theorien sind das einzig Belastbare, das wir in der Physik besitzen. Das sie unvereinbar sind, weist darauf hin, dass sie auf zwei unterschiedlichen Konzepten der Welt beruhen.
Lee Smolin hat dies recht eindringlich in seinem Buch
The Trouble with Physics dargestellt. Er sah sich dazu durch die fast schon dogmatische Dominanz der Stringtheorie in der Physik provoziert; diese Theorie scheint zu einem Mainstream in der Physik geworden zu sein, obwohl sie das wirkliche Problem dieser zwei unterschiedlichen Konzepte vom Ansatz her nicht wirklich lösen kann.
Die GRT formuliert den Zusammenhang zwischen Raum, Zeit und Energie in diesem Universum und ist daher eine physikalische Theorie, die nicht nur das, was "im" Universum stattfindet beschreibt, sondern gleichsam den
Behälter Universum mit in seine Betrachtungen einschließt, sozusagen die erste physikalische Theorie mit starker
Selbstbezüglichkeit. Mit dieser schweren Geburt ist Einstein in ganz neue Gefilde der theoretischen Physik vorgestoßen, in der die Physik nicht auf der Bühne eines
festen Newtonschen Raumes und einer
dahinfliessenden Zeit stattfindet, sondern alles miteinander verkoppelt ist. Ein unerhört großer Sprung im Denken, der bis heute intuitiv noch nicht richtig erfasst werden kann. Es macht unserem Verständnis die größten Probleme, da alle selbstbezüglichen Vorgänge von uns nicht wirklich durchdrungen werden können und in der Regel als Paradoxien und Rätsel zur Seite geschoben werden müssen. Das wird sicher damit zusammenhängen, dass Bewusstsein selbst eine selbstbezügliche Grundlage hat und damit wären wir schon wieder in der schönsten Selbstbezüglichkeit und legen es erstmal zur Seite...:-)
Die QFT dagegen, benötigt eine feste Bühne, auf der aber auch aus der reinen Leere (Vakuum) geisterhafte Sachen passieren können. Hier ist quasi alles Köstliche im Vakuum versteckt und
materialisiert in unsere Realität, um uns zu erfreuen :-) Der Unterschied zur GRT ist hier aber die
feste Bühne, weshalb man diese Theorie auch als
background dependent theory bezeichnet. Das, was uns an der QFT Unbehagen bereitet, ist das, was man schon in der
guten alten Quantentheorie (QT) hatte: das
Kollabieren einer
ominösen Wellenfunktion, mit der man hier die Realität vor der Messung beschreibt und eine neue Realität nach der Messung liefert.
Kurz: solange man nicht misst, entwickelt sich die Realität relativ normal und determiniert. Guckt man hin und macht eine Messung, so
kollabiert eine Wellenfunktion, die bisher die Realität beschrieben hat und liefert mit einer berechenbaren Wahrscheinlichkeit eine neue Realität (s. in diesem Zusammenhang auch:
Quanten-Zenoeffekt). Wie das passieren soll ist keinem bis jetzt klar und Interpretationen, mit denen man sich trösten möchte sind unter den Begriffen
Viele-Welten-Theorien,
Kopenhagener-Deutung,
Bohmsche Mechanik oder
Dekohärenztheorien nachzusuchen. Keine scheint bisher so richtig befriedigend für mich.
Kurz, es stellt sich die Frage, ob es
eine von uns bewussten Beobachtern unabhängige
Realität gibt.
Die QT scheint zu sagen: Nein! Sollte es so etwas wie eine Realität geben (wie auch diese aussehen mag), sie wäre zumindest
nicht-lokal. Das heißt, dass zwei, mehr oder gar alle Raumzeitpunkte (egal wie weit sie in dieser Raumzeit auseinander liegen) in
dieser Realität miteinander gekoppelt sein können oder müssen. Dies ist tatsächlich
Hard Science (s. Theorie bzw. Experiment von Bell bzw. Aspect).
Die Stringtheorie versucht die Phänomene der GRT sozusagen aus dem
Nichts oder besser aus höheren Dimensionen zu ziehen. Aber die Bühne ist auch hier starr, wenngleich biegsam und mehrdimensional. Aber sie erklärt nicht,
wie es zu dieser Bühne kommt oder
was diese mehrdimensionale Bühne überhaupt ist. Seit der GRT sind aber solche Fragen wieder salonfähig und werden von der Stringtheorie leider nicht angegangen mit dem alten Argument: das sind sinnlose Fragen, das ist nicht Physik! Die Stringtheorie (oder M-Theorie) führt zusätzliche unmessbare Dimensionen ein und nutzt diese Freiheiten zur Erklärung der Welt. Leider scheint mit diesen zusätzlichen Dimensionen eine
unermessliche Freiheit von Parametern zu entstehen, die diese Theorie schon fast wieder zu einer Theorie von Allem und Nichts werden lässt, die zur Zeit und in unmittelbarer Zukunft sich wohl nur schwer (weil zu oft) an unser Universum ankoppeln lässt.
Dann gibt es noch neue Theorien, wie die Loop-Gravitation-Theorien, die versuchen, den Raum und die Zeit aus kleinen unteilbaren Raumzeitstücken zu bauen. Diese Theorien sind aber Minderheitentheorien und sind wohl auch an der Grenze des Verständlichen anzusiedeln (weshalb sie nicht unbedingt falsch sein müssen!). Vielleicht sind wir hier schon am Ende der analytischen Herangehensweise angelangt, denn ich kann mir unter Raumzeitquanten beim besten Willen nichts mehr vorstellen...unser linker Neocortex scheint ein wenig diesen Theorien hinterherzuhinken :-).
Da ich hier nicht einen Abriss der aktuellen Theorienlage geben möchte (und sicher auch nicht geben kann!) will ich hier mal diesen kleinen Überblick beenden, da die wesentlichen Sachen schon erwähnt wurden. Er sollte nur ungefähr die Grenzen aufzeigen, an denen sich die Physik momentan tummelt.
Die Probleme, die bisher nicht zu einer neuen Theorie geführt haben, sind also zum einen die
Selbstbezüglichkeit oder Hintergrundunabhängigkeit (GRT) und zum anderen die Kopplung der Realität an Mess- oder
Bewusstseinsprozesse und die Verbundenheit der gesamten Welt durch die
Nicht-Lokalität (QT).
Und genau das sind die beiden Punkte, die die moderne Physik an die spirituellen und mystischen Theorien der Buddhisten oder anderer Religionen rücken lässt (spätestens seit Capras Buch
Das Tao der Physik ist das ja ein schwelendes Thema).
Ist man auf der Suche nach dem Großen, muss man die Werkzeuge den Gegebenheiten anpassen und darf sich nicht scheuen, unkonventionelle Wege zu gehen und zu denken. Leider haben sich die
Suchenden, falls es sie noch in der Physik oder den mystischen Kreisen gibt, auf ihre Werkzeuge festgelegt und weigern sich wie kleine Kinder der Mathematik oder der Meditation zu entsagen, weil sie mittlerweile ihre Werkzeuge als Ziel der Mittel und nicht als Mittel zum Ziel sehen. Wie Lee Smolin bin auch ich der Meinung, dass unsere Zeit keine Spezialisten oder "Handwerker" (bzw. Superyogis) mehr benötigt, sondern Visionäre, die querdenkend alte Denkgewohnheiten aufbrechen können.
Um dies leisten zu können, ist es sicherlich hilfreich, die Welt aus möglichst vielen unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen und sich nicht in Spezialwissen einer "Disziplin" zu vergraben. Wir wissen zurzeit einfach zu viel über zu wenig; wir müssen vielleicht nur mal wieder ein paar Schritte rückwärts gehen, um wieder das Gefühl für das
Ganze zu bekommen. Wir scheinen mit unserem Wissen auf einem Hügel des
relativen Maximums angekommen zu sein und trauen uns nun nicht mehr hinunter, um nach einem noch höheren Gipfel zu suchen; so scheinen wir auf diesem kleinen Gipfel mit unserem Wissen nur noch im Kreis zu laufen. Beim Verlassen dieses Gipfels verlässt man das
gesicherte Wissen und wird von den auf dem Gipfel bleibenden gerne verspottet und ausgelacht.
Das kann berechtigt sein (vielleicht gibt es ja keine höheren Gipfel und man geht doch nur talwärts), aber es muss nicht so sein. Lächerlicher ist es vielmehr, wenn die auf dem Gipfel bleibenden sich aus Sand kleine Minihügel aufschütten, um wenigstens kleine Erfolge in ihren jeweiligen Disziplinen vorweisen zu können ;-). Es ähnelt dem Epizyklensystem des Ptolemäus, von dem sich die damaligen Forscher auch nur schwer verabschieden konnten.
Eine Gruppe dieser Talgänger beschäftigt sich also mit dem
monistischen Idealismus. Das klingt für mich sehr wissenschaftlich, aber auch irgendwie recht abstoßend, weil es scheinbar impliziert, dass es sich hier um eine weitere unnütze Theorie handelt, in die man die Realität gießen möchte. Es könnte aber tatsächlich mehr sein...
Zunächst der Schock für die Techniker: der monistische Idealismus geht vereinfachend davon aus, dass es nur
ein Bewusstsein gibt und dieses Bewusstsein auch noch
alles ist. Es gibt keine Materie, es gibt keine
Anderen...denn sie sind alle
ich. Das
Eine ist der Grund für das
monistisch und das nicht die
Materie die Grundlage für alles ist, sondern vielmehr die
Idee, ist der Grund für das
Idealismus im Namen.
Das klingt fantastisch abgedreht, oder?
Und doch sollte uns der Gedanke aus dem
Zen-Buddhismus vertraut sein. Dieses Lösen von den Dingen und das Aufgehen im
Eins ist das berühmte
Satori oder die
Erleuchtung, das unter anderen Namen in vielen Religionen (selbst der christlichen!) ursprünglich angestrebt wurde. Waren solche Modelle bisher darauf angewiesen, es entweder einfach zu glauben oder selbst diese Erfahrungen zu machen, so gesellen sich nun die seltsamen Ergebnisse der modernen Physik hinzu. Man hat nun mehrere Wege, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, je nach Geschmack und Vorliebe.
Wir alle und alles sind Ich!Erinnert das nicht an
Selbstbezüglichkeit?
Erinnert das nicht an die
nicht-lokale Realität der QT?
Und das Schöne: diesmal muss man es nicht glauben, sondern unsere Gehirnhälfte, die alles logisch ordnen möchte, kann sich auf dem analytischen Weg der modernen Physik dieser Erkenntnis nähern.
Diese Theorie scheint auch irgendwie "In" zu sein, denn ein Film, der in diese Richtung stößt scheint sich zumindest in den USA recht gut zu verkaufen:
What the Bleep we (k)now?.
Leider sieht man auch an dem Film, dass sich an Ideen, die sich der Wahrheit (falls es sie denn gibt :-)) nähern, sofort
Simplifizierer und
Gernegrosse hängen, denen es nicht um das
Eine geht, sondern darum, ihre eigenen 'Egos' ins rechte Licht zu stellen, ohne durch den mühsamen und manchmal schweißtreibenden Prozess der Erkenntnissuche zu gehen. Es ist nichts einzuwenden gegen solche Trittbrettfahrer, solange der Wagen auf der richtigen Bahn bleibt. Aber oft führt allein die Gegenwart solcher Vereinfacher/Spinner zur Abkehr der Leute, die wesentliche Erkenntnisse auf diesem Wege beisteuern könnten. Diese Leute sollten sich nicht abgeschreckt fühlen, wenn neben Ihnen plötzlich jemand von Wünschelruten und Astralwanderungen erzählt. Solange wir alle suchen, können wir nicht allzu viel zerstören...;-)
Wer sich mit diesem Thema vielleicht näher beschäftigen möchte, hier ein paar Buchempfehlungen, die nicht von Leuten geschrieben wurden, die es sich nur leicht machen wollen:
Die Illusion des Ich von
Alan Watts. In den Sechzigern geschrieben, aber man könnte denken, es wäre dieses Jahr gewesen! Ein sehr guter Autor, dessen zahlreiche anderen Publikationen ebenfalls lesenswert sind (z.B. "The Way of Zen").
Das bewusste Universum von Amit Goswami. Ein Physikprofessor, der auch ein gutes Lehrbuch über Quantentheorie verfasst hat. Als Inder und Sohn eines Gurus kann er recht souverän über breite Gräben springen. Das Buch versucht, die Verbindung zwischen moderner Physik und dem monistischen Idealismus zu verdeutlichen.
Die Entstehung der Realität von Jörg Starkmuth. Der Autor ist ein
Suchender aus dem naturwissenschaftlichen Lager, der dieses Buch im Eigenverlag veröffentlicht hat. Faszinierend ist die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit des Autors in der Argumentation. Leider gleitet er manchmal ein wenig schmerzhaft in Erzählungen seiner Freunde der Glückssucher und Kartenleger ab, die aber glücklicherweise keinen Schaden an seiner Argumentation anrichten. Das Buch ist eigentlich ein Sahnestück, weil es versucht, das schwierige Thema aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive zu beleuchten. Das Buch liefert erstaunlich viele Aha-Erlebnisse und ist daher allein schon lesenswert.
Wäre es in Englisch, wäre es ein Bestseller!
Die Physik der Träume von Fred A. Wolf. Der Autor ist ein Quantenphysiker, der sich in diesem Buch zwar zunächst den Träumen widmet (mit vielen guten Fakten aus der Traum- und Gehirnforschung), später aber auf das kosmische Bewusstsein eingeht. Sehr interessant geschrieben.