Addon zu: Viele interessante Personen
Was ist interessant?
In einem Kommentar zu einem früheren Posting möchte ein Jorge wissen, was dieser Typ Frau wohl suchen mag.
Das klingt interessant! Da ich noch immer ein wenig in diesem Thema stecke, muß dieser Frage gleich nachgegangen werden. ;-)
Was meint denn nun dieser Typ Frau mit interessant??
Es klingt hart, aber meiner Meinung nach meint dieser Typ Frau gar nichts!
Das muß ich wohl erklären. :-)
Anhand der Zielgruppe, die dieser Typ Frau in der Regel zum Finden von interessanten Personen auswählt (die Promis, die Besonderen, die Künstler), offenbart sie, dass sie selber keine Möglichkeiten besitzt, die interessanten Leute von den uninteressanten Leuten zu trennen. Sie muß sich vielmehr ein externes Gütesiegel besorgen, dass in diesem Falle von der Gesellschaft geliefert wird.
Die Anderen machen aus normalen Personen Promis, die Anderen definieren jemanden als Künstler, die Anderen legen fest, was das Besondere ist. Ohne diese Urteile und Wertungen dieser Anderen, wäre dieser Typ Frau nicht alleine in der Lage, zu erkennen, ob an dieser oder jener Person etwas Besonderes ist. Denn schon zum Erkennen des Besonderen, benötigt man Erfahrungen.
Für ein Kind ohne viel Erfahrungen ist entweder alles Besonders oder gar nichts oder mal dies und mal das. Es sucht. Es bildet sich langsam eigene Urteile. Je mehr Erfahrungen dieses Kind erwirbt, desto sicherer kann es das Interessante vom Unwesentlichen unterscheiden. In letzter Konsequenz ist dies tatsächlich überlebenswichtig.
Macht man zu wenig Erfahrungen, erwirbt man diese Fähigkeit nur in ungenügendem Maße.
Bevor der Leser aufstöhnt, sollte man aber gewisse Begriffe auseinanderhalten:
Erfahrungen sind nicht Erlebnisse! Erfahrungen sind vielmehr verarbeitete Erlebnisse. Ich kenne Personen (z.B. meine Tante, aber auch andere), die haben mehr als die halbe Welt bereist und haben eine Menge erlebt; sie haben aber keine Erfahrungen aus diesen Erlebnissen gewonnen. Sie sind durch die fremden Länder als typische Touristen gereist und haben fremde Kulturen nicht aufgenommen und verarbeitet, sondern konsumiert, wie man Soap Operas konsumiert (auch im Rest des Lebens kann man wie ein Tourist durch das Leben kommen).
Die Zeit oder vielleicht auch die Fähigkeit der Reflexion dieser Eindrücke fehlte. Oder vielleicht war auch kein Fundament oder kein Netz vorhanden, auf das diese Eindrücke aufgebaut bzw. in das sie eingewebt werden könnten.
So kommt es, dass diese Leute hektisch von Event zu Event hecheln, irrsinnig viele Sachen erleben, aber eigentlich nie so richtig etwas erfahren.
Das führt dann in weiterer Konsequenz dazu, dass diese Leute verzweifelt nach Maßstäben suchen, nach Kriterien, was hip oder out ist, was besonders oder alltäglich ist, was interessant oder uninteressant ist. Da kommen Definitionen der Gesellschaft dann wie gerufen.
Je mehr Erfahrungen man aber gemacht hat, desto sicherer kann man das Interessante vom Uninteressanten trennen (was allerdings auch nicht statisch ist und sich im Leben öfters mal verändern kann). Deswegen mag ich das Suchen der vielen interessanten Leute noch eher bei jungen Menschen tolerieren als bei älteren. Im Alter sollte man das Gespür dafür entwickelt haben. Ich sage extra Gespür, weil es nicht in Form einer expliziten Definition erfasst werden kann (Interessant ist: ...), sondern meistens auch ein sogenanntes Bauchgefühl ist (das ist ja das schöne am Menschen :-) ).
Nun wird dieser Typ Frau vielleicht auch irgendwie ein Bauchgefühl haben, aber unter Umständen sagt dieses Bauchgefühl nur: 'Oh das kommt mir bekannt vor, das klingt interessant!' oder 'Man, ist der berühmt...(staun)...und der will mit mir sprechen!'. Es fehlt an Reflexionen von etwas Neuem.
Die Tatsache, dass die Anderen schon für diesen Typ Frau entschieden haben, dass jene Person etwas Besonderes ist, führt dazu, dass die eigene Urteilskraft nicht geschult wird. Das wiederum
führt dazu, dass eigene Erfahrungen aus den Erlebnissen nicht gemacht werden. So wird das über Jahre und Jahre immer schlimmer...
Das meine ich also damit, wenn ich sage, dass nichts damit gemeint ist. Genauer: sie meinen etwas damit, was durch die Anderen definiert wird, von dem sie aber nicht wissen, wie es definiert wird, sondern nur, dass es definiert wurde ;-)) .
Ich weiss nicht, wie es dem Leser geht, aber bis auf die Ausnahmen, in denen mir erst hinterher klar wird, dass ich einen aussergewöhnlichen Charakter vor mir hatte (so etwas ist schon vorgekommen), verspüre ich schon relativ schnell ein Gefühl des Besonderen. Oft weiss ich nocht nicht einmal warum.
Das ist wie Musik die ich nebenbei im Radio höre:
Manche Leute können einfach so nebenbei Musik hören ohne eigentlich richtig zuzuhören; wenn ich nebenbei Musik höre und ich höre ein interessantes unbekanntes Stück, klingelt es bei mir sofort und mein Fokus wechselt auf die Musik. So als wäre ein zweiter Thread bei mir am Laufen, der sofort reagieren kann. Ähnlich sucht ein weiterer Thread wahrscheinlich nebenbei immer nach außergewöhnlichen Charakteren, ohne dass es mir bewusst ist.
Auch wenn das jetzt gerne missverstanden wird, aber es ist vielleicht so, wenn man als einziger Mensch nur unter Affen ausgesetzt wird und um der Einsamkeit zu entkommen sucht man dort verzweifelt nach irgendeinem Zeichen, einem Funkeln in den Augen der Primaten, das sagt: 'Ich bin auch hier ausgesetzt worden, ich gehöre auch nicht hier her, bitte verstehe mich!'. ;-) Das ist auf keinen Fall zu verwechseln mit 'Ich bin ein Star, hol mich hier raus!'
Da ich nicht alles in diesem Blog abdecken konnte, was vielleicht interessant an diesem Thema ist, hier noch zwei Lektüreempfehlungen, von denen ich denke, dass sie auch abseits dieses Themas sehr erhellend sind:
Esther Vilar: "Der betörende Glanz der Dummheit", dtv, 1998 ,(ISBN 3423361069)
oder etwas älter, aber dafür ebenso gut und deutlich fundamentaler:
Friedrich Waismann: "Wille und Motiv" (habe ich leider nur als Reclamausgabe)
In einem Kommentar zu einem früheren Posting möchte ein Jorge wissen, was dieser Typ Frau wohl suchen mag.
Das klingt interessant! Da ich noch immer ein wenig in diesem Thema stecke, muß dieser Frage gleich nachgegangen werden. ;-)
Was meint denn nun dieser Typ Frau mit interessant??
Es klingt hart, aber meiner Meinung nach meint dieser Typ Frau gar nichts!
Das muß ich wohl erklären. :-)
Anhand der Zielgruppe, die dieser Typ Frau in der Regel zum Finden von interessanten Personen auswählt (die Promis, die Besonderen, die Künstler), offenbart sie, dass sie selber keine Möglichkeiten besitzt, die interessanten Leute von den uninteressanten Leuten zu trennen. Sie muß sich vielmehr ein externes Gütesiegel besorgen, dass in diesem Falle von der Gesellschaft geliefert wird.
Die Anderen machen aus normalen Personen Promis, die Anderen definieren jemanden als Künstler, die Anderen legen fest, was das Besondere ist. Ohne diese Urteile und Wertungen dieser Anderen, wäre dieser Typ Frau nicht alleine in der Lage, zu erkennen, ob an dieser oder jener Person etwas Besonderes ist. Denn schon zum Erkennen des Besonderen, benötigt man Erfahrungen.
Für ein Kind ohne viel Erfahrungen ist entweder alles Besonders oder gar nichts oder mal dies und mal das. Es sucht. Es bildet sich langsam eigene Urteile. Je mehr Erfahrungen dieses Kind erwirbt, desto sicherer kann es das Interessante vom Unwesentlichen unterscheiden. In letzter Konsequenz ist dies tatsächlich überlebenswichtig.
Macht man zu wenig Erfahrungen, erwirbt man diese Fähigkeit nur in ungenügendem Maße.
Bevor der Leser aufstöhnt, sollte man aber gewisse Begriffe auseinanderhalten:
Erfahrungen sind nicht Erlebnisse! Erfahrungen sind vielmehr verarbeitete Erlebnisse. Ich kenne Personen (z.B. meine Tante, aber auch andere), die haben mehr als die halbe Welt bereist und haben eine Menge erlebt; sie haben aber keine Erfahrungen aus diesen Erlebnissen gewonnen. Sie sind durch die fremden Länder als typische Touristen gereist und haben fremde Kulturen nicht aufgenommen und verarbeitet, sondern konsumiert, wie man Soap Operas konsumiert (auch im Rest des Lebens kann man wie ein Tourist durch das Leben kommen).
Die Zeit oder vielleicht auch die Fähigkeit der Reflexion dieser Eindrücke fehlte. Oder vielleicht war auch kein Fundament oder kein Netz vorhanden, auf das diese Eindrücke aufgebaut bzw. in das sie eingewebt werden könnten.
So kommt es, dass diese Leute hektisch von Event zu Event hecheln, irrsinnig viele Sachen erleben, aber eigentlich nie so richtig etwas erfahren.
Das führt dann in weiterer Konsequenz dazu, dass diese Leute verzweifelt nach Maßstäben suchen, nach Kriterien, was hip oder out ist, was besonders oder alltäglich ist, was interessant oder uninteressant ist. Da kommen Definitionen der Gesellschaft dann wie gerufen.
Je mehr Erfahrungen man aber gemacht hat, desto sicherer kann man das Interessante vom Uninteressanten trennen (was allerdings auch nicht statisch ist und sich im Leben öfters mal verändern kann). Deswegen mag ich das Suchen der vielen interessanten Leute noch eher bei jungen Menschen tolerieren als bei älteren. Im Alter sollte man das Gespür dafür entwickelt haben. Ich sage extra Gespür, weil es nicht in Form einer expliziten Definition erfasst werden kann (Interessant ist: ...), sondern meistens auch ein sogenanntes Bauchgefühl ist (das ist ja das schöne am Menschen :-) ).
Nun wird dieser Typ Frau vielleicht auch irgendwie ein Bauchgefühl haben, aber unter Umständen sagt dieses Bauchgefühl nur: 'Oh das kommt mir bekannt vor, das klingt interessant!' oder 'Man, ist der berühmt...(staun)...und der will mit mir sprechen!'. Es fehlt an Reflexionen von etwas Neuem.
Die Tatsache, dass die Anderen schon für diesen Typ Frau entschieden haben, dass jene Person etwas Besonderes ist, führt dazu, dass die eigene Urteilskraft nicht geschult wird. Das wiederum
führt dazu, dass eigene Erfahrungen aus den Erlebnissen nicht gemacht werden. So wird das über Jahre und Jahre immer schlimmer...
Das meine ich also damit, wenn ich sage, dass nichts damit gemeint ist. Genauer: sie meinen etwas damit, was durch die Anderen definiert wird, von dem sie aber nicht wissen, wie es definiert wird, sondern nur, dass es definiert wurde ;-)) .
Ich weiss nicht, wie es dem Leser geht, aber bis auf die Ausnahmen, in denen mir erst hinterher klar wird, dass ich einen aussergewöhnlichen Charakter vor mir hatte (so etwas ist schon vorgekommen), verspüre ich schon relativ schnell ein Gefühl des Besonderen. Oft weiss ich nocht nicht einmal warum.
Das ist wie Musik die ich nebenbei im Radio höre:
Manche Leute können einfach so nebenbei Musik hören ohne eigentlich richtig zuzuhören; wenn ich nebenbei Musik höre und ich höre ein interessantes unbekanntes Stück, klingelt es bei mir sofort und mein Fokus wechselt auf die Musik. So als wäre ein zweiter Thread bei mir am Laufen, der sofort reagieren kann. Ähnlich sucht ein weiterer Thread wahrscheinlich nebenbei immer nach außergewöhnlichen Charakteren, ohne dass es mir bewusst ist.
Auch wenn das jetzt gerne missverstanden wird, aber es ist vielleicht so, wenn man als einziger Mensch nur unter Affen ausgesetzt wird und um der Einsamkeit zu entkommen sucht man dort verzweifelt nach irgendeinem Zeichen, einem Funkeln in den Augen der Primaten, das sagt: 'Ich bin auch hier ausgesetzt worden, ich gehöre auch nicht hier her, bitte verstehe mich!'. ;-) Das ist auf keinen Fall zu verwechseln mit 'Ich bin ein Star, hol mich hier raus!'
Da ich nicht alles in diesem Blog abdecken konnte, was vielleicht interessant an diesem Thema ist, hier noch zwei Lektüreempfehlungen, von denen ich denke, dass sie auch abseits dieses Themas sehr erhellend sind:
Esther Vilar: "Der betörende Glanz der Dummheit", dtv, 1998 ,(ISBN 3423361069)
oder etwas älter, aber dafür ebenso gut und deutlich fundamentaler:
Friedrich Waismann: "Wille und Motiv" (habe ich leider nur als Reclamausgabe)
