2005-12-04

Man müsste...

"Sie müßten mir 1000 Euro geben!"
Wenn ich Ihnen das sagen würde, wäre Ihre erst spontane Reaktion darauf wahrscheinlich:
"Warum?"
Jeder fände das natürlich.

Trotzdem ist es eine Krankheit dieser Zeit, in allen möglichen Situationen (Talkshows, Diskussionen, Kolumnen, Workshops, Newsgroups, etc,...) Sätze mit "X müßte...!" zu beginnen ohne das zwangsläufig folgende "Warum?" auszusprechen oder zuzulassen. Meistens sind sich alle einig, dass die aufgestellte Forderung selbstverständlich ist und von keinem normal denkenden Menschen angezweifelt werden könnte.

(In den technischen Newsgruppen ist es aber immerhin schon Common Use bei Sätzen, die mit "Man müßte...!" beginnen, sofort die Forderung an den Forderer zu adressieren. Das liegt aber auch daran, das diese NGs vornehmlich aus sogenannten Machern zusammengesetzt sind und diesen der kreative Prozess des Kreierens nicht fremd ist, ja, nur mit diesem Prozess schafft man sich hier Ruhm und Ehre. Aber dieser Blog zielt nicht in diese Richtung, sondern eher in das moralische "X müßte...").

Journalisten, Politiker, Arbeigeber, Arbeitnehmer, Stammtischler, Ärzte, und viele anderen gesellschaftlichen Gruppen stellen gerne moralische Handlungsmaximen für andere gesellschaftliche Gruppen auf. So sagen Politiker und Arbeitgeber gerne, "Wir müßten den Gürtel enger schnallen"; gemeint sind natürlich die anderen. Journalisten geben den Politikern gerne den Rat, was Politker X oder Partei Y machen müßte. Beispiele findet man zuhauf und überall.

Wenn Sie solche Sätze sehen, gebe ich Ihnen den Rat, zuerst und reflexhaft nach dem "Warum" zu fragen. Das ist immer richtig!
Da diese Forderung aber an die Gruppe X gestellt ist, sollten Sie diese Frage aber auch aus der Sicht dieser Gruppe beantworten. Denn diese muß ja einen Grund haben, diese Forderung zu erfüllen. Ein Beispiel: siehe erster Absatz.

Andere Beispiele:
Sie sagen: "Politiker müßten wieder ehrlicher werden!"
Da fragt sich der Politiker doch: Warum?
Damit er gewählt wird? Wohl eher nicht! Er kann auch mit einfacheren Sachen gewählt werden. Damit er nachts ruhig schlafen kann? Träumen Sie weiter! Damit die Gesellschaft besser wird? Who cares? Stellen Sie die Forderung doch an die Gesellschaft!
Sie sehen: Solche Forderungen sind wertlos. Man kann sie überlesen. Sie haben ohne die Warum-Frage keinen Sinn. Das interessante liegt im Stellen und in der Beantwortung der nachfolgenden Warum Frage.

"Wir (d.h. Sie!) müssen den Gürtel enger schallen!"
Warum? Gibt es nicht genug für uns alle? Doch, für uns alle gibt es genug, nur nicht für manche soviel wie für andere. Also lautet doch die Forderung: "Wir müssen dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Unterschiede bestehen bleiben!" Und die erste Forderung ist lediglich eine Verschleierung der letzten.

"Die Arbeitgeber müßten sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung wieder bewußt werden!"
Warum? Ist das ihre Aufgabe? Wohl eher nicht! Profitiert der Arbeitgeber direkt von der Wahrnehmung seiner gesellschaftlichen Verantwortung? Nein. Es gibt daher keinen Grund für den Arbeitgeber, diese Forderung zu erfüllen. Liefern Sie einen Grund und der Arbeitgeber wird zur Profitmaximierung darauf eingehen.

Man sollte all jenen, die diese "X müßte..." Sätze absondern, sofort den Warum-Stein um den Hals binden und ihnen eine Antwort (aus Sicht der adressierten) abpressen.

Dann würden diese Lichterketten-Fanatiker und vordergründigen Gutmenschen vielleicht darauf kommen, dass diese Konditionale sicher ehrenvolle und fromme Wünsche sind, mehr aber nicht. In Diskussionen, in denen es um zukünftiges Handeln geht, ist die Beantwortung der Warum-Frage sicher nützlicher und dient der Erkenntnis sicher mehr.

"Wir müßten der Arbeit wieder Vorrang einräumen!"
Nun , an wen geht diese Forderung eigentlich? Das sollte man wohl erstmal klären, bevor man ernsthaft auf solchen Unsinn antwortet. An alle? Mmmh. Wer kann denn der Arbeit vorrang einräumen? Politiker und Arbeitgeber. Da Arbeitgeber wohl kein Interesse daran haben werden, Arbeitleistung wieder teurer einzukaufen, bleibt noch der Politiker: der Politiker könnte sich damit profilieren und eine Wiederwahl begünstigen. Wenn er denn wüßte wie das geht! Er weiss es nicht, da er nur äußerst indirekt diese Forderung umsetzen kann( und eigentlich auch so wiedergewählt werden kann).

"Wir (die anderen) müßten wieder mehr Zivilcourage zeigen!"
Warum? Man kann dabei sogar sterben. Warum also? Damit man einen Orden und einen Preis bekommt? Wohl eher nicht. Für die Gesellschaft? Aha, das hatten wir doch schon mal. Die Gesellschaft kann erst in Jahren oder Jahrzehnten davon profitieren (wenn überhaupt und habe ich dann noch was davon?), mein Leben, meine Gesundheit oder meine Freiheit kann ich aber sofort verlieren. Ergo: Zivilcourage ist gut aber irrational und wird durch Regionen des Hirns bestimmt, die nichts mit dem großen Bewußtsein zu tun haben, also für die auch nicht argumentiert werden kann.

Bis demnächst.

2 Comments:

Anonymous Buntfisch said...

Lieber Frank, ich schaue immer mal wieder hier vorbei und war erfreut, heute deine jüngste Post zu finden. Ich habe wenig Zeit, aber deine Gedanken lese ich doch, ich finde Substanz darin und das Bemühen, hinter die Fassaden der Weltdinge zu schauen.
Soviel kurz, Gruss von Wanda Buntfisch.

Mittwoch, Dezember 07, 2005 11:19:00 PM  
Blogger Frank said...

Danke Wanda.
Von einem MontyPython Fan nehme ich das Lob dankend entgegen ;-)

Donnerstag, Dezember 08, 2005 8:27:00 PM  

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