2005-09-05

Zivilisation

New Orleans ist auch in der zweiten Woche eine Katastrophenlandschaft.
Woran liegt's?
Zum einen wurde auf lokaler Ebene (Bundesstaat) sicher nicht alles sauber durchgeplant; die (mandatory) Evakuierung wurde nur halbherzig durchgeführt und weitere Maßnahmen (Notunterkünfte, Versorgung, etc.) wurden nicht angedacht. Die amerikanische Philosophie der Eigenverantwortlichkeit passt leider nicht zu Katastrophen dieses Ausmaßes.

Zum anderen hat wohl Herr Bush seine Hilfen sowohl vor als auch nach der Katastrophe auf ein Minimum (oder sollte man sagen: negatives Maximum?) reduziert, wohl weil er in diesem Landstrich sowieso keine richtigen vollwertigen Amerikaner vermutet.
Wäre diese Katastrophe über Texas hereingebrochen, sähe die Lage jetzt wohl anders aus.

Nebenbei: was mich an den Amerikanern so verwundert, ist diese ehrfürchtige Akzeptanz eines Präsidenten, der seine Nation in den Krieg schickt (Bushs Worte: "Wir befinden uns im Krieg!")
und sich einen 5 - wöchigen Sommerurlaub genehmigt. So mancher Diktator scheint da fleissiger zu sein.

Auch ist an dieser Situation wieder einmal die dünne Haut der Zivilisation zu erkennen. Je ungerechter eine Gesellschaft aufgebaut ist, desto schneller bahnen sich Anarchie und Chaos wieder ihren Weg. Politik ist eigentlich zu wichtig, um es den kleingeistigen und machtgierigen Politikern oder Unternehmen zu überlassen. Wann werden die Massen dies bloß begreifen?

H.G. Wells war jemand, der dies schon vor hundert Jahren in seinen Werken thematisiert hat.
In all seinen Werken wie z.B. "Wenn der Schläfer erwacht", "Der Besuch", "Menschen, Göttern gleich", "Von kommenden Tagen" und sogar "Die Zeitmaschine" kämpft er verzweifelt gegen eine unerträgliche Borniertheit einer herrschenden Klasse, die Kraft ihrer Dummheit dafür sorgt, dass sich die Welt nicht weiter entwickeln kann oder gar die Welt in den Ruin treibt. Tröstlich, dass solche "Durchblicker" in allen Zeiten vorhanden waren und hoffentlich in zukünftigen Zeiten auch weiter vorhanden sein werden. Traurig, dass diese Visionäre keine große Anhängerschaft um sich sammeln können (von den Religionsführern Jesus, Mohammad, etc. mal abgesehen; nach ein paar hundert Jahren ging das ja auch immer schief). Dummerweise scheint das in der Natur der Sache zu liegen. Esther Villar hatte dazu mal ein provozierendes Buch publiziert: "Der betörende Glanz der Dummheit"; fantasievolle und mitfühlende Menschen können niemals Führer sein, dies ist ein Job für tumbe und selbstherrliche Machtmenschen.
Dumm nur, dass wir mit dieser genetisch verankerten Eigenschaft unsere Spezie nicht mehr lange erhalten werden können.

Zurück in die kleine Welt von Deutschland:
Gestern gab es im Fernsehen das TV-Duell unserer Kanzler Möchtegerns.
Nichts Interessantes.
Ärgerlich nur, dass dieses Ereignis von "weltbewegender Bedeutung" (so schien es jedenfalls den geladenen Hofberichtserstattern) auf mindestens 4 Kanälen gleichzeitig übertragen wurde, darunter mindestens 2 öffentlich rechtliche (ARD und ZDF). Muss das sein?

Und ein noch größerer Skandal: ab 22:00 wurden dann noch Werbeeinblendungen von der Firma Microsoft im Fernsehen minutenlang übertragen, angeblich weil man einige Statistiken zeigen wollte!
Werbeeinblendungen sind zu dieser Zeit (ab 20:00 Uhr) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verboten. Allerdings werden Sponsoreinblendungen akzeptiert (eine Hintertür, die sich leicht zum Haupteingang umbauen lässt). Allerdings müssen auch Sendebeitrag und Sponsorbeitrag deutlich getrennt werden und unterscheidbar sein und das war hier garantiert nicht mehr der Fall: War die Umfrage gar von Microsoft in Auftrag gegeben? Oder war das nur die Software?
In vorigen Wahlen war dieses geschickte Product Placement ebenfalls schon Anlass zur Verwunderung. Kurz: Nicht nur Namen oder Kanzler sind Schall und Rauch, sondern wohl auch die deutschen Gesetze!!


Bis demnächst.

1 Comments:

Anonymous Anonym said...

http://www.golem.de/0509/40365.html

Freitag, September 09, 2005 8:31:00 PM  

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